Fiesel hat geschrieben:Ach da ist das arogante Totschlagargument der Ultras wieder: "Wer nícht unserer Meinung ist, ist fremdgesteuert und hat gar keine eigene Meinung"
Wie Du weißt, bin ich kein Ultra und wie eingangs erwähnt habe, habe ich keine sonderlich hohe Meinung von der Cattiva. Aber ja: Hätte es die Aufforderung Lieberknechts, der bis dahin ein Held aller Fans war, nicht gegeben, wäre die Sache anders gelaufen. Ich habe den BTSV, seine Mechanismen und sein Publikum in den vergangenen knapp 15 Jahren recht gut kennen gelernt - ziemlich sicher besser als die meisten hier. Hätte Lieberknecht im Gegenteil gesagt: Respektiert diese Aktion... hätte das ganze Stadion geschwiegen oder zumindest nicht Block 9 für einen Stimmungsboykott massiv angefeindet und mit Bechern beworfen (nur, um mal klar zu stellen, das Du hier gerade auch die Becherwerfer verteidigst).
Um das auch mal klar und deutlich zu sagen: In (Stimmungs-)Block 9 stehen nicht nur die Ultras, sondern ein Großteil der aktiven Fanszene (außer den Ultras Braunschweig 2001), die sich natürlich mit der Aktion solidarisiert hat (insgesamt 8 Gruppen). Tut mir Leid, wenn ich Dein vorgerfertigtes Bild von einem reinen "Ultra-Protest" zerstöre. So wie es ohnehin nie ein Ultra-Protest war: Mir ist jedenfalls neu, dass z.B. die FUMA von Union eine "Ultra-Abteilung" ist.
Gonzo hat geschrieben: Kommentare wie "Wir sind Braunschweiger und ihr nicht" von Menschen, die man in der 3. Liga vermutlich niemals auswärts und erst als Spitzenreiter zuhause angetroffen hat, waren eine Konsequenz.
Sich beschweren, dass grundlegende Rechte der Fans durch die DFL gefährdet sind, aber dann das Recht auf Meinungsäußerung im Stadion davon abhängig machen wollen, ob man auch schön bei Auswärtsfahrten dabei ist. Sorry, diesen Passus muss ich im Grundgesetz überlesen haben.
Mach Dir nichts daraus: Die DFL überliest ständig Dinge im Grundgesetz, kann also jedem passieren. Becher auf stille Protestler werfen ist btw auch eine ganz feine Meinungsäußerung, die es verdient hat, von Dir gegen die Ultras verteidigt zu werden. Und freie Meinungsäußerung gilt übrigens auch umgekehrt: Was nehmen sich Zuschauer und Fans heraus, Block 9 anzufeinden, weil sie dort von ihrer Freiheit Gebrauch machen,
einmal nicht den Folklore-Clown für den Sky-Jahresrückblick und die Fotos auf der Homepage zu geben?
Es ist einfach ein unglaublich frecher Vorgang - und das darf man bei allem schäumenden Hass gegen Ultras auch mal zugeben. Du würdest Dir doch auch nicht von einem Praktikanten sagen lassen, dass er Deinen Job besser macht und Du ihn eigentlich gar nicht kannst. Hypothetisch: Du folgst dem KSV seit mehreren Jahren zu jedem Heim- und Auswärtsspiel in der 4. Liga, nimmst Urlaub und 1000 Kilometer für englische Wochen, feuerst die Mannschaft über Jahre treu wie ein Irrer als einer von 8.000 Heimzuschauern an (auch, wenn es nur um die goldene Ananas geht). Du erfindest die Lieder, die die ganze Stadt singt (für "Werde zur Legende" waren die Ultras in BS ja noch gut genug). Du und Deine Freunde - und keiner sonst! - machen dabei mehrere Choreos im Jahr zu mehreren tausend Euro, die der Verein benutzt, um die tolle Stimmung im Stadion in Magazinen, Homepage und DVDs darzustellen. "Und die Zuschauer schwärmen: Booah, das ganze Stadion in Blau-Gelb, mit Schriftzug und rotem Löwen!" (Ja, auch dafür sind sie dann gut genug, die Idioten in Block 9, denn damit kann man sich ja brüsten). Dann steigen wir tatsächlich auf. Spielen eine gute Saison in der 3. Liga, die Zuschauer häufen sich. Ein Jahr drauf finden wir uns dort unerwartet als Tabellenführer wieder und die Bude ist ausverkauft. Du warst von Anfang an dabei, als es noch nicht sexy war, sich voll und ganz zum KSV zu bekennen und hast Deinen Anteil an dem Aufstieg. Und dann kommt so ein daher gelaufener Schnösel in seinem ersten Jahr "seit se uns geechen Nürnberg verarscht honn" und kritisiert Dein Engagement mit den Worten "Ich bin Kasseler und Du nicht!", weil Du bei einer Scheiß Welle während eines Protestes gegen das Aushöhlen Deiner Grundrechte nicht mitmachst. Und weil Du einmal (!) einen Stimmungsboykott machst, gelten die vergangenen Jahre nicht mehr und der Support. Und dann darf die Mannschaft - aus welchen Gründen auch immer - wegen eines einzigen Spiels der treuesten Tribüne des Stadions, in der Du Dich befindest, keinen Dank für 12 Monate bedingungslose Unterstützung aussprechen. Tschuldigung, aber ich kaufe es Dir nicht ab, dass Dich das unberührt lassen würde.
Jaja, die tollen Ultras, wenn sie Stadion-Folklore machen, mit der man vor anderen per Handy-Videos und Bildchen herumproleten kann. Wow, so geil sind
wir! Die geilsten Fans der Liga! Das ganze Stadion macht eine Choreo. Alle singen mit. Ja, die Ultras haben das Lied erfunden und mehrere Tausend Euro in die Choreo investiert. Haben sie gut gemacht. Und auf Hallo XY-Tribüne antworten wir ja auch sehr gerne... Aber wehe, sie zeigen sich einmal als mündige und kritische Fans, dann können wir auf den ganzen Schnickschnack verzichten und das Pack beleidigen und mit Bechern bewerfen.
Edit sagt noch: Mir geht es gar nicht darum, dass Zuschauer beim Stimmungsboykott nicht mitmachen wollen. Das ist auch in Braunschweig jedem selbst überlassen gewesen. Es geht darum, dass hier bewusst vom Trainer Stimmung gegen das Anliegen gemacht wurde, die aufgenommen wurde, um zu beleidigen, zu pöbeln und zu provozieren. In anderen Stadien ging es auch, dass die aktiven Fans den Support einstellen konnten, ohne dafür von Teilen der Masse angefeindet zu werden.
When the going gets weird, the weird turn pro. It never got weird enough for me.
Hunter S. Thompson
VIVA MADIBA! VIVA MANDELA!